Ein Bahntrassenradweg. Im Vordergrund steht eine Pflanze, im Hintergrund auf der anderen Seite das asphaltierten Wegs lehnt mein Rad an ein hölzernes Geländer.

Zwei Bahntrassen und ein Todesfall – #bikeknicking, Tag 3

200 Kilo­me­ter an einem Tag, das sind Distan­zen, die bei der Tour de Fran­ce zurück­ge­legt wer­den. Mag sein, dass ich eines Tages auch mal so weit fah­ren wer­de, an die­sem Tag hat­te ich es weder vor noch tat ich es. Am Ende war ich den­noch knapp 200 Kilo­me­ter von mei­nem Start­punkt ent­fernt, wenn auch nicht ganz freiwillig. 

Doch zurück ins Camp Ham­mer. Ster­ne gese­hen hat­te ich also kei­ne. Geschla­fen hat­te ich aller­dings gut und offen­bar auch reich­lich, denn so früh war es auch nicht, als ich dann end­lich auf­brach. Dabei mach­te mir das Camp Ham­mer es eigent­lich recht leicht. Mir stan­den allein zwei Rich­tun­gen zur Aus­wahl, und bei­de führ­ten an der Rur ent­lang. Ich ent­schied mich dann für den Weg an der Rur ent­lang. Da ich aber noch nicht zurück fah­ren woll­te, erreich­te ich nach knapp 10 Kilo­me­tern Monschau.

Mons­chau.

6.000 Ein­woh­ner, wovon knapp 4.000 alte Frau­en sind, die wie­der­um in Fach­werk­häu­sern neben und über der Rur woh­nen. Dass Mons­chau laut offi­zi­el­len Zah­len auf dop­pelt so vie­le Ein­woh­ner kommt, liegt an den gan­zen Ein­ge­mein­dun­gen von Kon­zen bis Imgenbroich. 

Kon­zen, Höfen, Roh­ren; so weit so gut; zwei-Sil­ben-Wör­ter, die auch als Ver­ben durch­ge­hen könn­ten, wüss­te man nur, was kon­zen für eine Tätig­keit, und ob sie erfül­lend ist. 

Kalter­her­berg, aus Grün­den so genannt. Wenn irgend­wo der Win­ter den Wes­ten erreicht, dann zuerst dort.

Müt­zenich, des­sen Name auf Karl den Gro­ßen zurück­geht – denn als der noch klein war, ritt er einst von Aachen aus und muss­te dort in der Nähe über­nach­ten, was er dann auf einem Fel­sen tat – der des­we­gen Kai­ser Karls Bett­statt heißt –; und als ihm sein Die­ner dann auf­grund der eher lau­schi­gen Tem­pe­ra­tu­ren (Kalter­her­berg war halt nicht weit) des­sen Kopf­be­de­ckung anbot, erwi­der­te er (die Jugend von heu­te war halt schon damals unnö­tig stolz) „Müt­ze? Nich!“. 

Und zuletzt Imgen­broich – was auch nur aus­spre­chen kann, wer von dort kommt oder Ein­ge­bo­re­nen zuhö­ren konnte.

Mons­chau also. Zuletzt war ich dort für mei­nen Zivil­dienst gewe­sen, und das war nun auch schon wie­der fast zehn Jah­re her. Inso­fern war es mir nicht ganz fremd, wes­we­gen ich kei­nen Stopp für das Rote Hau­se ein­le­gen muss­te. Ande­rer­seits kam ich auf dem Kopf­stein­pflas­ter eh nicht schnell vor­an. Dafür konn­te ich Mons­chau nun ein­mal auf neu­en Wegen ver­las­sen. Bis­her hat­te ich es ja nur mit dem Bus von Aachen erfah­ren. Jetzt hielt ich mich ein­fach an die Rur und stieß beim Bahn­hof Ley­kaul auf mein ers­tes Stück­chen Bel­gi­en: die Vennbahntrasse.

Links die Vennbahntrasse als ausgebauter Radweg, mittig die übrig gebliebenen Schienen des zweiten Gleises, rechts davon ein zur Ruine verkommenes Häuschen am Gleis.

Die Venn­bahn­tras­se als sol­che ist ja auch ein Kurio­sum. Sie führt von Aachen hoch in die Eifel und bis nach Trois­vier­ges in Luxem­burg, selbst wenn der deut­sche Name von Trois­vier­ges „Ulf­lin­gen“ lau­tet, was auch viel näher am Lët­ze­bue­r­gi­schen „Ëlwen“ liegt. Frü­her fuh­ren auf ihr noch Züge. Lag sie ursprüng­lich mehr­heit­lich auf deut­schen Gebiet, ver­schob der ers­te Welt­krieg die Gren­zen der­ar­tig, dass sie fort­an stän­dig das Staats­ge­biet wech­sel­te, bis Bel­gi­en sich 1920 durch­setz­te und die Venn­bahn auf­grund der Bedeu­tung für das nun bel­gi­sche Eupen und Mal­me­dy unter bel­gi­sche Ver­wal­tung gestellt wur­de, auch wenn man­cher­orts links und rechts der Glei­se Deutsch­land ist. Dar­an hat sich im Grun­de genom­men auch nichts geän­dert, nur dass inzwi­schen kei­ne Züge mehr fah­ren und vie­ler­orts die Glei­se durch einen gut aus­ge­bau­ten Rad­weg ersetzt wurden.

Blick in die sommerliche Eifel mit grünen Wiesen, vereinzelten Bäumen und einem schmalen Weg durch die Wiesen. Im Hintergrund stehen ein paar Häuser. Der Himmel ist blau und leicht bewölkt.

Bis nach Trois­vier­ges soll­te es die­ses Mal aber nicht gehen. Wey­wertz soll­te mir rei­chen. Dort wech­sel­te ich von der Venn­bahn auf die Venn­quer­bahn, von RAVel Ligne 48 auf RAVeL Ligne 45A. Ich woll­te zurück in die Eifel, und das ging am bequems­ten am Büt­gen­ba­cher See ent­lang, auf einer ande­ren ehe­ma­li­gen Bahn­tras­se. Auch heu­te noch steht Trois­vier­ges als Ziel auf mei­ner nicht geführ­ten Bucket-List.

Kurz vor Hons­feld ereil­te mich dann das Schick­sal. Mein Han­dy vibrier­te. Gut. Genau genom­men hat­te ich es den Tag über ohne Mobil­funk­ver­bin­dung genutzt, weil ich den Akku scho­nen woll­te, da ich den gan­zen Strom zur Navi­ga­ti­on brauch­te. Jetzt, da ich für ein paar Minu­ten pau­sier­te – es war sehr warm und son­nig und ich hat­te Durst –, woll­te ich einen kur­zen Blick ins Inter­net wer­fen. Statt­des­sen bekam ich ein paar SMS über ver­pass­te Anru­fe und eine SMS vom Vor­tag mit der Bit­te um Rück­ruf. Es war mein Vater, der mich bat schnellst­mög­lich ins Dorf mei­ner Groß­el­tern zu kom­men. Ich ahn­te schon, was pas­siert war, und mein Rück­ruf bestä­tig­te mei­ne Befürchtung. 

Gemähte, vertrocknete Wiesen vor einem kleinen Waldstück. Eine geschotterte Straße schlängelt sich durch die Felder, ehe sie eine Allee kreuzt.

Ist es nicht fas­zi­nie­rend, dass ich von den gan­zen Kilo­me­tern davor kaum noch etwas weiß, sich aber die Kilo­me­ter nach die­sem Anruf bis zum nächs­ten Bahn­hof in Jün­ke­rath, an dem ich dann wie­der­um kei­nen Emp­fang hat­te, in ihrer gan­zen Schön­heit trotz mei­ner Rase­rei über ein hal­bes Dut­zend wei­te­rer Lan­des­gren­zen ein­ge­brannt hat? Und ist es nicht noch kurio­ser, dass mei­ne Groß­mutter unge­fähr zu der Zeit starb, zu der ich im Camp Ham­mer ein­schlief? Eine bes­se­re Erin­ne­rung, dass Kor­re­la­ti­on nicht gleich Kau­sa­li­tät gibt, kann ich mir für mich nicht vor­stel­len. Wobei: Wenn ich damit falsch lie­ge, haben wir ein Problem.

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